Montag, 13. Februar 2012

Berlin


Berlin ist nicht nur eine echt fertige Stadt, sondern auch eine unfertige. Deshalb zieht Berlin vor allem junge Menschen an, deren Leben noch eine Dauerbaustelle ist - wie der Alexanderplatz - und die noch keine Verantwortung übernehmen wollen - wie Klaus Wowereit. Von den fast 1.500.000 Menschen, die im Jahr 2010 (aktuellste Statistik) aus aller Welt, aber vor allem aus dem Rest von Deutschland kamen, waren die meisten zwischen achtzehn und dreißig Jahre alt. Berlin ist für sie ein Sehnsuchtsort, weil man nicht wissen muss, wonach man sich sehnt, wenn man dort hinzieht. Die einen denken an Partys, die von Montagabend bis Montagmorgen dauern, an Amphetamine, Kellergewölbe und Sex mit jemandem aus der WG. Sie wollen sich verstecken, aber wovor? Die anderen stellen sich vor, sie wären inmitten der Armen und Schönen besonders produktiv, in den Fabriketagen, im WLAN-Café, im nächsten unnützen Praktikum. Sie wollen entdeckt werden, aber von wem?

Die einen suchen den Schmutz und zahlen dafür immer mehr Miete, aber natürlich immer noch weniger als die Münchner. Die anderen suchen den Glanz der Hauptstadt, den Herzschlag Deutschlands - und landen doch nur im langweiligen Promirestaurant "Grill Royal". Aber eigentlich weiß niemand, was er in Berlin sucht. Und eigentlich kommt es ganz anders. Man geht nur einmal ins "Berghain", und das Mensaschnitzel ist so zäh wie überall. Man lebt weiter in einem Dorf, weil in Berlin kaum jemand seinen "Kiez" verlässt. Das macht nichts. Wichtiger, als nach Berlin zu kommen, ist es, von woanders wegzukommen. Aus dem bayerischen Inzest, dem Hamburger Schimmel, der Brandenburger Steppe, der Parfümwolke Düsseldorfs. Und so sind Neuberliner die patriotischsten Berliner. Sie lieben Berlin mehr, als die Berliner es tun. Sie müssen an Berlin glauben, weil es sonst keinen Ort mehr für ihre Träume gäbe.

- Neon, Ausgabe 03/2012