Die Berliner Oase hat kaltblaue Leuchtschilder und große Schaufenster mit Alkoholflaschen darin. Fein säuberlich angeordnet, nach Größe und nach Farben, oben der Schnaps, unten das Bier. Drinnen dann Zigaretten, Süßigkeiten, Zeitungen, Kästen mit Club-Mate, ein runder Stehtisch mit Plastiktischdecke. Hinter dem Tresen steht ein Mann, der jeden, der reinkommt, beim Namen kennt und den Filterkaffee nie ausgehen lässt. "Eck-Oase" heißt der kleine Laden in der Flughafenstraße im Bezirk Neukölln. Eine Oase ist das auch. Beziehungsweise ein Spätkauf, einer dieser Kioske, die es in Berlin an jeder Ecke gibt und die sieben Tage die Woche geöffnet haben, oft rund um die Uhr, sogar an Weihnachten.
Der Spätkauf, von den Berlinern nur "Späti" genannt, ist mehr als ein Kosk. Er ist das, was in Rom die Bar am Eck ist, in Wien der Würstelstand oder in Paris das Bistro - ein soziales Zentrum. Sehr wichtig in einer Stadt wie Berlin, in der die meisten Leute zugezogen sind, kaum familiäre Netzwerke haben und oft sehr wenig Geld. Ein Berliner Späti verkauft nicht nur all das, was man schnell mal braucht, ob Brötchen, Obst, Taschentücher, Putzmittel, Mineralwasser, Stadtpläne, USB-Sticks, Würstchen im Glas, Fahrradschlösser, Dosensuppen, Wollmützen, Comics, Klopapier oder Grillkohle. Hier bekommt man auch seine Pakete hingeliefert, wenn man nicht zu Hause ist, hinterlegt die Schlüssel für Handwerker oder Berlin-Besucher, und im Notfall kann man sein Kind für eine Viertelstune in der Obhut des Besitzers lassen. Vor allem aber wird man jemanden zum Reden finden. [...] [Der] Besitzer der "Eck-Oase", der nur H. genannt werden will, kocht und grillt für seine Stammkunden, und hin und wieder dürfen Leute in seinem Hinterzimmer übernachten. Was der Späti im Berliner Alltag sein kann, merkt man spätestens, wenn man umziehen und ihn zurücklassen muss. Eine Oase des Zwischenmenschlichen in der Großstadtanonymität nämlich. Oder, wie es die Besitzerin des Späti "Quickymarkt" in Kreuzberg ausdrückte: "Dit Soziale, dit ist hier dit wirklich Schöne."
Der Spätkauf, von denen es in Berlin etwa 900 gibt, ist eine Institution. Viel typischer für die Hauptstadt als die Currywurstbude, die meist eh nur Touristen anzieht. Der Spätkauf ist in einer Liga mit der Altberliner Eckkneipe, diesem urig-ranzigen Klassiker mit Namen wie "Kommse rin", "UmmeEcke" oder, wenn das Einzugsgebiet ein Gericht ist, "Zum Freispruch". Und jetzt, da in Berlin, wie in vielen Großstädten, die alten Eckkneipen zusperren müssen, weil die Mieten zu teuer oder die Kiez-Bewohner zu chic geworden sind, entwickelt sich der Späti mehr und mehr zum Ersatz-Treffpunkt. Zum Ort, an dem die interessantesten Leute zusammenkommen.
Christian Klier zum Beispiel. Klier, Grafikdesigner, Jahrgang 1984, trinkt Pappbecher-Kaffe in der "Eck-Oase". Draußen liegt Neukölln in der Frühlingssonne. Viel Verkehr, türkische Brautmoenläden, Spielautomaten-Bars, Großfamilien, Studenten, junge Touristen. Klier, der eine Straße weiter wohnt, interessiert sich allerdings für das Drinnen. Für seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee hat er über die Institution Spätkauf geforscht. Aus der Studie wurde der Bildband "Der Späti", Klier hat ihn vor Kurzem vorgestellt, bei einer Party in seinem Späti, der "Eck-Oase", natürlich.
Klier, aufgewachsen in Berlin-Köpenick, war zehn Monate lange in der Stadt untwerwegs, um Spätis zu untersuchen, ihr Sortiment, ihre Soziologie. Die Zahlen dazu hat er parat wie ein Spätkauf-Besitzer die Bier-Preise. 38 Quadratmeter Fläche habe ein Berliner Späti durchschnittlich und zwei Mitarbeiter. Die arbeiten in der Regel zehn Stunden am Tag. 200 Kunden kommen täglich vorbei, sieben von zehn lassen anschreiben. Generell sei der Späti ein Phänomen der ärmeren Stadtteile, sagt Christian Kier. Je mehr Studenten, große Familien und Arbeitslose in einem Bezirk leben, desto mehr Spätis gebe es. In den reicheren Stadtteilen im Westen oder am Rand Berlins sei der Spätkauf nicht sehr verbreitet, da finde man eher die klassischen Tante-Emma-Läden.
Klier hat bei seinen Streifzügen die unterschiedlichsten Geschäftsmodelle gesehen. Spätis, die zugleich eine Buchhandlung, en Internetcafé, ein Schuhladen, ein Kino, ein Friseur, ein Reisebüro oderein Waffenladen sind. Nicht zu vergesen der indische Spätkauf-Betreiber aus dem Bezirk Wedding. Der sponsert den örtlichen Fußballverein, und an Weihnachten kocht er indische Gerichte für Kunden, die keine Familie haben.
Die Tür der "Eck-Oase" geht auf. Ein Typ mit langem, grauen Haar und Jeansjacke latscht herein. Er sagt "Tagchen" zu H., kauft zwei Bier, wie immer um zehn Uhr morgens. Willi heißt er, und in der "Eck-Oase" gehört er zum Inventar wie die Auswahl an Biersorten. Vor allem die süddeutschen Biere seien im Sortiment eines Spät wichtig, wegen der vielen zugezogenen Schwaben und Studenten. Und was macht einen Späti sonst noch aus? Ganz klar: die Besitzer, erklärt Klier. Er hat viele kennengelernt, mit den unterschiedlichsten Biografien, der Großteil sei nach Berlin zugezogen, genau wie ihre Kunden, für die sie Verkäufer, Gesprächspartner, Familienersatz und Therapeut in einem sind. Eine Späti-Besitzerin hat einmal auf Kliers Frage, was denn besonders an ihrem Laden sei, geasagt: "Na, icke." [...]
- Süddeutsche Zeitung, 21.03.2014