Montag, 30. November 2020
Die Insel der Gefühle
Es war einmal eine Insel, auf der alle Gefühle lebten: Die Freude, die Traurigkeit und viele andere, einschließlich der Liebe. Trotz kleinerer Reibereien war das Leben in Summe ruhig, sogar vorhersehbar. Manchmal veranlasste die Routine die Langeweile, einzuschlafen, oder der Impuls zettelte irgendeinen Skandal an; ein anderes Mal beruhigten die Konstanz und das Zusammenleben die Unzufriedenheit.
Eines Tages, unerwartet für alle Inselbewohner, berief die Erkenntnis eine Zusammenkunft ein. Als dies endlich die Unachtsamkeit herausfand und die Faulheit am Treffpunkt erschien, begann die Versammlung. Sogleich sagte die Erkenntnis: "Ich habe eine schlechte Nachricht für euch - die Insel wird versinken."
Alle Gefühle, die auf der Insel lebten, riefen: "Nein! Wie kann das sein? Wir leben doch schon immer hier...!" Aber die Erkenntnis wiederholte: "Die Insel wird versinken!" "Aber das kann nicht sein! Vielleicht irrst du dich!" "Die Erkenntnis irrt sich nie!", sagte das Bewusstsein, dem sich die Wahrheit erschloss. "Wenn sie der Meinung ist, dass die Insel versinkt, dann wird es deswegen sein, weil sie versinkt." "Aber was werden wir jetzt tun?", fragten die anderen. Die Erkenntnis erwiderte: "Natürlich kann jeder einzelne tun, was er möchte. Aber ich schlage vor, dass ihr schnellstens eine Möglichkeit findet, die Insel zu verlassen. Baut euch ein Schiff, ein Boot, ein Floß oder etwas, was euch erlaubt, zu gehen - denn wer auf der Insel bleibt, wird mit ihr verschwinden." "Könntest du uns nicht helfen?", fragten alle die Erkenntnis, auf ihre Fähigkeiten vertrauend. "Nein", sagte sie, "die Vorhersehung und ich haben schon ein Flugzeug gebaut und sobald ich diesen Satz beende, werden wir zur am nächsten gelegenen Insel aufbrechen." Die Gefühle riefen: "Nein, aber nein! Was wird dann aus uns?" Als sie das sagten, stieg die Erkenntnis bereits mit ihrer Begleiterin in das Flugzeug - die Angst, die nicht dumm ist und sich im Motor als blinder Passagier versteckte, mitnehmend - und verließ die Insel.
Sodann machten sich alle Gefühle an die Arbeit, um ein Schiff, ein Boot, ein Segelboot zu bauen - alle, außer die Liebe. Denn die Liebe war so verbunden mit der Gesamtheit der Dinge auf der Insel, dass sie dachte: "Diese Insel verlassen, nach alldem, was ich hier erlebte... Wie könnte ich diesen kleinen Baum zum Beispiel jemals verlassen? Ah, wir teilen so viele Erlebnisse!" Und während die Gefühle sich weiter dem Bau der Boote widmeten, um von der Insel zu fliehen, kletterte die Liebe auf jeden Baum, streichelte jeden Ast, roch an jeder Rose, berührte alle Steine - bis sie schließlich zum Strand ging und sich im Sand wälzte, wie sie es gewöhnlich in anderen Zeiten tat, und dachte anschließend, nachdem sie den Platz gefunden hatte, wo die Sonne aufging - ihren Lieblingsplatz - mit einer solchen Einfältigkeit, wie nur die Liebe sie haben kann: "Vielleicht versinkt die Insel nur ein kleines bisschen und taucht danach wieder auf. Warum nicht?" Und sie blieb tagelang und maß die Höhe der Wasserstände des Meeres, um herauszufinden, ob der Prozess des Versinkens unumkehrbar war. Aber... die Insel versank immer weiter; trotzdem konnte die Liebe nicht daran denken, etwas zu bauen, weil sie so viel Schmerz empfand und nur weinte und schluchzte über das, was sie gerade verlor. Ihr fiel dann ein, dass die Insel sehr groß war und das, auch wenn sie ein wenig versank, die Liebe sich immer an eine höhere Stelle retten könnte. Alles wäre besser, als sich von der Insel trennen zu müssen.
Eine kleine Zurückweisung empfand die Liebe nie als Problem, deswegen streichelte sie erneut die Ufersteine, kroch erneut durch den Sand und hielt ihre Füße in das Meerwasser am kleinen, früher riesigen Strand. Schließlich, ohne sich der Zurückweisung der Insel bewusst zu werden, stieg die Liebe zum nördlichen Teil des Eilands auf, der, wenn auch nicht der schönste, der höchste war. Währenddessen schritt das Versinken der Insel Stück für Stück voran, und der Platz, zu dem sich die Liebe jeden Tag zurückzog, wurde immer kleiner. "Nach so vielen Dingen, die wir gemeinsam erlebten!", entfuhr es der Liebe vorwurfsvoll. Schließlich blieb nur ein winziger Flecken Boden übrig; der Rest der Insel war bereits vollständig von Wasser bedeckt. Just in diesem Moment fiel der Liebe auf, dass die Insel wirklich versank. Außerdem begriff sie, dass, wenn sie die Insel nicht verließ, dies gleichbedeutend mit dem vollstänigen Verschwinden der Liebe vom Antlitz der Erde sein würde, für immer. Aufgeschreckt durch diese Gedanken, bahnte sie sich ihren Weg vorbei an überschwemmten Wegen und enormen, strömenden Wassermassen zur Bucht.
Es gab keine Möglichkeit mehr, ein Boot zu bauen, wie es die anderen getan hatten. Die Liebe verlor so viel Zeit, während sie das, was Stück für Stück vor ihren Augen verschwand, beweinte. Von der Bucht aus konnte sie ihre Mitbewohner in ihren Booten an ihr vorbeifahren sehen. Sie hoffte nun, dass einer ihrer Schwestern und Brüder die Liebe verstehen und mitnehmen würde, wenn sie ihre ursprüngliche Entscheidung, bleiben zu wollen, nur erklärte.
Das Meer absuchend erspähte sie das Boot des Reichtums und machte es auf sich aufmerksam. In seiner luxuriösen Yacht näherte er sich und die Liebe sagte zu ihm: "Reichtum, bitte, nimm mich mit mit. Ich habe so viel am Verschwinden der Insel gelitten, dass nicht ausreichend Zeit blieb, mir ein Boot zu bauen." Aber der Reichtum antwortete: "Ich kann nicht. Es gibt so viel Gold und Silber bei mir und ich habe keine Platz für dich. Tut mir leid." Er setzte seinen Weg fort, ohne zurückzublicken. Sodann bat die Liebe die Eitelkeit, die sie in einem wunderschönen Kahn vorbeifahren sah, randvoll mit Verzierungen, Fransen, weißem Marmor und Blumen in den verschiedensten Farben. "Eitelkeit, bitte hilf du mir!" "Unmöglich, Liebe, wie soll ich sagen... Du bist so schmutzig und ungepflegt. Entschuldige, aber du würdest mein kleines Schiff verunstalten". Und sie fuhr weg. Der Hochmut passierte die Liebe und antwortete auf ihre Bitte, mitfahren zu dürfen: "Aus meinem Weg, oder ich begrabe dich unter mir!" Soweit sie konnte, näherte sich die Liebe nun dem Boot des Stolzes. Ein weiteres Mal bat sie um Hilfe, worauf sie nur einen despektierlichen Blick erntete, während sie fast von einer Bugwelle überrollt wurde. Nicht aufgebend, bat die Liebe die Traurigkeit: "Nimmst du mich auf?" Aber sie erhielt als Antwort: "Ach, Liebe, du weißt, dass ich soooo traurig bin, und in einem solchen Zustand bevorzuge ich es, allein zu sein". Die Freude fuhr an der Liebe vorbei und war so glücklich, dass sie nicht einmal hörte, wie nach ihr gerufen wurde.
Die Liebe, verzweifelt, begann zu seufzen, während sie sich mit Tränen in den Augen auf das Stückchen Insel setzte, dass ihr am Ende noch blieb. Plötzlich hörte sie, wie jemand zu ihr flüsterte: "Chst... Chst..." Es war ein unbekannter Alter, der ihr bedeutete, in ein Ruderboot zu steigen. "Ist das für mich?" fragte sie, eine Hand auf ihre Brust legend. "Ja, ja", sagte der Alte, "ich hole dich ab. Komm in mein Boot und rudere mit mir, sodass ich dich retten kann." Die Liebe schaute ihn an und erwiderte: "Die Sache ist, dass ich hier blieb, weil..." "Ich verstehe schon", sagte der Alte ohne sie den Satz beenden zu lassen. "Steig ein!" Die Liebe sprang ins Boot und gemeinsam entfernten sie sich von der Bucht. Es verging nicht viel Zeit, bis sie sehen konnten, wie die Insel vor ihren Augen versank und für immer verschwand. "Niemals mehr wird eine Insel wie diese existieren!", säuselte bekümmert die Liebe, vielleicht hoffend, dass der Alte ihr widerspräche und ihr irgendeine Hoffnung gäbe. "Nein", sagt dieser nur, "eine Insel wie diese - niemals. Aber auf alle Fälle eine andere."
Als sie auf der Nachbarinsel eintrafen, fühlte sich die Liebe so befreit, dass sie vergaß, den Alten nach seinem Namen zu fragen. Als ihr das auffiel und sie ihm danken wollte, war er schon verschwunden. Sehr neugierig wandte sich die Liebe an die Weisheit, um zu fragen: "Wie kann das sein? Ich kenne ihn nicht und er hat mich gerettet. Keines der anderen Gefühle konnte verstehen, warum ich ohne Rettungsboot blieb. Aber er half mir und jetzt kenne ich nicht einmal seinen Namen." Die Weisheit blickte ihr lange in die Augen und antwortete: "Er ist der einzige, der es schafft, dass die Liebe überlebt, wenn der Schmerz eines Verlusts sie glauben lässt, dass es unmöglich weitergehen kann. Er ist der einzige, der in der Lage ist, der Liebe eine neue Perspektive anzubieten, wenn es scheinbar keine mehr gibt. Wer dich rettete, Liebe, ist die Zeit..."
-- Aus dem Spanischen von Jorge Bucay, "Todo no terminó"
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